Ist Judo gefährlich?

Zwei Grundsätze sollen verhindern, dass der Kampf auf der Judo-Matte in einen simplen Kräftevergleich, bei dem einer der Gegner mehr oder weniger schwer verletzt auf der “Strecke” bleibt, ausartet. Jede jap. Schriftzeichen JuDoTechnik, jede Bewegung, hat dem Prinzip von der “grösstmöglichen Wirkung” zu gehorchen. Dass dieses Prinzip, das sowohl auf die körperlichen als auch auf die geistigen Kräfte anzuwenden ist, im Judo jederzeit beachtet werden sollte, mag ein einfaches Beispiel erläutern: Steht man einem körperlich stärkeren Gegner gegenüber, so widersetzt man sich dem von ihm ausgeführten Druck nicht, sondern zieht ihn sogar noch in die Richtung, in die er steht. Des erwarteten Widerstandes beraubt, wird der Gegner Überrascht nach vorne stolpern und sein Gleichgewicht zumindest teilweise verlieren. In dieser Position kann man nun die eigene Kraft mit dem grösstmöglichen Nutzeffekt einsetzen.

Aus diesem simplen Beispiel wird schon deutlich, dass an diesem technischen Prinzip von der größtmöglichen Wirkung die Gesetze des Nachgebens, des Gleichgewichtbrechens und des rationellen Einsatzes - nur so viel Kraft verwenden, wie gerade gebraucht wird - beteiligt sind.

Das zweite Prinzip hebt Judo über den Stand eines blossen Zweikampfsportes hinaus und lässt es zum Erziehungssystem par excellence werden. Es ist das moralische Prinzip vom

"gegenseitigen Helfen und Verstehen".

Jede Judo-Übung wird mit einem Partner und nicht gegen einen Gegner durchgeführt; ohne Partner, ohne willige Freunde, für deren Fortschritt man sich genauso verantwortlich fühlt wie für den eigenen, ist Judo nicht möglich. Jedes Wissen, jeder erkannte Fehler beim Partner muss bereitwillig mitgeteilt werden, Lehren und Lernen, Unterordnung unter eine erfahrene Autorität und Führen einer suchenden Gruppe, sind Tätigkeiten, die den Menschen als soziales Wesen ansprechen und ihn zum vollwertigen Mitglied einer freien Gesellschaft werden lassen.

 

Die drei wichtigen Ziele im Judo

Als  J I G O R O  K A N O sein System schuf, hatte er hauptsächlich drei Ziele im Auge:

Er wollte vor allen Dingen ein System schaffen, das auf interessante, zu längerem Studium anregende Weise den Körper trainiert, alle Muskeln ausbildet und die Organkraft stärkt, kurz, den Körper in Form bringt und erhält. Im Gegensatz zu teilweise nützlichen, aber langweiligen Gymnastiksystemen sollte sein Judo mehr als nur ein kurzzeitiges Fitnessprogramm sein, sondern vielmehr von Menschen jeden Alters und Geschlechts, einmal begonnen, bis in das hohe Alter hinein ausgeübt werden können.

Zweitens dachte er daran - man nannte ihn später "Vater des Amateursports in Japan" -, seinen Schülern die Möglichkeit zu geben, in einem von strengen Regeln kontrollierten Zweikampfsport, Wettkämpfe zu bestreiten. Seine Schüler sollten teilhaben an der grossen Sportbewegung, deren Wert für die “glückliche Zufriedenheit des Menschen” er nicht oft genug zu preisen wußte.

Drittens sollte durch Judo neben einer Charakter- und Persönlichkeitsformung die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten erreicht werden. Regelmäßiges Training fördert die Entwicklung der Einbildungskraft, des logischen Denkens und der Urteilskraft und trägt entscheidend zu einem ausgeglichenen Persönlichkeitsbild, der Wahrung des seelischen Gleichgewichts, bei: Diese Haltung läßt Ernsthaftigkeit, Vorsicht und gründliches Überlegen, die wiederum Voraussetzung für schnelles Handeln und rasche Entschlüsse sind, zur zweiten Natur werden.